Interview mit dem Kinderbuchautoren Armin Pongs


Der Kinderbuchautor Armin Pongs (43) begeistert mit seinen ungewöhnlichen Lesungen und Schreibwerkstätten junge ABC-Schützen, die Welt der Bücher zu entdecken. Im Frühjahr hat er bereits über 800 Gütersloher Grundschulkinder mit seinem Märchen von „Krokofil“ in seinen Bann gezogen. Zum Jubiläum der Initiative Lesespaß erwartet 500 Grundschulkinder am 29. September ein buntes „Lesespaß mit Krokofil“-Event in der Stadthalle Gütersloh. Heute möchten wir von Armin Pongs sein Erfolgsgeheimnis bei Kindern erfahren.


Lesespaß: Herr Pongs, haben Sie schon immer gerne Kindern vorgelesen?

Seit mehr als 15 Jahren halte ich gesellschaftspolitische Vorträge. Darüber hinaus werde ich immer wieder eingeladen, aus meinen Reiseerzählbänden vorzulesen. Das Talent, mit meinen Lesungen auch Kinder zu begeistern, habe ich ehrlich gesagt erst vor drei Jahren entdeckt.


Lesespaß: Wie sind Sie – als studierter Psychologe und Soziologe – zum Schreiben von Kinderbüchern gekommen?

Als Psychologe und Soziologe weiß ich sehr wohl, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Meine Aufgabe ist es, auf Fehlentwicklungen und Missstände hinzuweisen: Zum Beispiel, dass sich viele Eltern zu wenig um ihre Kinder kümmern, dass die Lese- und Schreibfähigkeit und damit auch der Wortschatz vieler Kinder abnimmt, dass wir zu wenig investieren, um den wenigen Kindern, die in unserer Gesellschaft geboren werden, die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen. Seit längerem frage ich mich zudem, welche Auswirkungen die neuen Medien auf die heranwachsende Generation haben. Was passiert, wenn das Medium Buch zunehmend aus dem Fokus gerät? Welche Rolle spielt Lesen bei der Aufrechterhaltung unserer Demokratie und unseres Wohlstands? Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass die Qualität vieler Kinderbücher immer mehr zu wünschen übrig lässt. Es gibt zwar sehr schöne Bilderbücher, aber sprachlich versierte Lesebücher sind rar. Irgendwann war ich des Kritisierens müde und wollte einfach etwas tun. Mit meinen eigenen Büchern will ich beweisen, dass in einer multimedialen Zeit auch das althergebrachte Medium Buch nicht an Reiz und Wirkung verlieren muss. Es ist nur die Frage, wie gut und spannend das jeweilige Buch geschrieben ist und ob es gelingt, daraus packend und mitreißend vorzulesen. Dass ein Psychologe und Soziologe Kinderbücher schreibt, ist also gar nicht so abwegig, ist vielmehr eine logische Konsequenz.


Lesespaß: Wie sieht Ihr Alltag als Schriftsteller aus? Wodurch lassen Sie sich inspirieren und wann schreiben Sie?

Ich schreibe eigentlich immer: zu Hause, auf Reisen, in Gedanken, in meinen Träumen. In meinem Kopf kreisen ständig Bilder und Figuren, die von mir in Geschichten festgehalten werden wollen. Manchmal wache ich in der Nacht auf, greife zu Stift und Papier und schreibe meine Ideen auf. Besonders gut fließt es in den frühen Morgenstunden, gleich nach dem Aufstehen, wenn die Gedanken noch frisch sind. Da sprudeln die Ideen nur so aus mir heraus. Am produktivsten bin ich auf meiner Sonnenterrasse am Chiemsee mit Blick auf die Kampenwand oder in Istanbul mit Blick auf Marmarameer und Prinzeninseln. Wenn ich den harzigen Geruch der Pinien oder den süßen Duft der Feigen in meiner Nase habe, entstehen fast immer märchenhafte Erzählungen in meinem Kopf. Übrigens habe ich vor Drucklegung der Krokofilbücher alle Orte und Schauplätze der Geschichte noch einmal aufgesucht. Ich habe überprüft, ob ich alles richtig beschrieben habe, und Änderungen vorgenommen, wenn neue Ideen und Bilder entstanden sind.


Lesespaß: Warum haben Sie ein Buch über ein Krokodil geschrieben und warum heißt es „Krokofil“?

Als im Frühsommer 2007 meine damals 5-Jährige Patentochter zu Besuch kam, schaute sie gleich auf mein großes Bücherregal und fragte mich, ob ich ihr eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen könnte. Was für eine Geschichte möchtest du denn hören, fragte ich zurück. Eine Geschichte von einem Krokodil, lautete ihr Wunsch. Da es aber unter den mehr als 2000 Bücher, die ich besitze, kein Buch über ein Krokodil gab, habe ich schließlich eine Geschichte über ein Krokodil erfinden müssen. Das „F“ im Namen von „Krokofil“ steht für freundlich sowie für Freundschaft, eines der zentralen Themen meiner Geschichte.


Lesespaß: Was macht ein Märchen wie das von Krokofil für Kinder so spannend?

Die Krokofilbücher sind sicherlich nicht für jedes Kind zwangsläufig spannend, aber sie sprechen die Kinder an. Vielleicht, weil ich den Kindern einfach nur eine schöne, unterhaltsame, phantasiereiche Geschichte erzählen will und weil meine Bücher nebenher auch die Gefühls- und Gedankenwelt von Kindern widerspiegeln und sie um die Welt von Krokofil erweitern. Zudem sind Themen in die Geschichte eingeflossen, die Kinder beschäftigen, berühren und mit denen viele schon in jungen Jahren umzugehen haben. Ein solches Thema ist beispielsweise das Gefühl des Verlassenwerdens. Viele Kinder machen heute schon im Grundschulalter diese Erfahrungen, wenn sich die Eltern trennen und die Kinder mit nur einem Elternteil weiterleben. Meine Bücher zeigen Wege auf, mit diesem Trennungsschmerz umzugehen.
 

Buchcover „Krokofil“. Armin Pongs, Dilemma Verlag, Pong Wang Ting 2011


Lesespaß:
Glauben Sie, dass das Vorlesen die Motivation der Kinder, selbst zu lesen, fördert? Wenn ja, wieso?

Ich denke, es kommt sehr darauf an, wer vorliest bzw. wie vorgelesen wird. Wenn ich lese, tue ich das im Stehen. Ich lese laut und deutlich, zudem binde ich die Kinder in das Geschehen ein. Ich habe den Anspruch, jedes Kind, gerade auch die Kinder aus bildungsfernem Elternhaus, denen nur selten vorgelesen wird, auf meine Lesereise mitzunehmen und sie nachhaltig für das Lesen zu begeistern. Das gelingt jedoch nur, wenn die einstündige Lesestunde zu einem Schlüsselerlebnis für das eigene Lesen wird. Ich hoffe, dass sich jeder Kinderbuchautor, wenn er zu Lesungen in Schulen geht, dieser Verantwortung bewusst ist. Vor zehn Jahren hätte ich wahrscheinlich die Aufmerksamkeit der Kinder ohne viel Dazutun gewonnen. Heute ist eine größere Anstrengung notwendig, um Kinder für Bücher zu begeistern. Ich habe deshalb ein Lesekonzept entwickelt, mit dem es mir gelingt, Erstklässler wie auch Kinder der vierten Klassen eine Stunde lang in meinen Bann zu ziehen. Selbst größte Lesemuffel habe ich so schon für das Lesen begeistern können.


Lesespaß: Lesen ist eine allgemeine Bereicherung, fördert aber vor allem Fantasie und Kreativität. Ist es wichtig, dass Kinder Bücher lesen oder können sie genauso gut am PC lesen?

Man kann es gar nicht oft genug sagen, wie wichtig das Lesen in einer hochtechnisierten, komplexen und wissensbasierten Gesellschaft ist. Lesen fördert das eigene kreative und kritische Denken, erweitert den Wortschatz, weitet den Horizont und öffnet Welten. Deshalb kommt es in erster Linie darauf an, dass Kinder den Zugang zum Lesen bekommen und überhaupt zu lesen beginnen. Ob das Lesen in Zukunft weiterhin über das gedruckte Buch geschieht oder über ein elektronisches Medium wird sich zeigen. Der Vorteil des Buches ist die Konzentration auf ein Medium. Habe ich einen PC, bin ich schnell versucht, im Internet zu surfen oder mich mit einem Computerspiel abzulenken. Aber egal welche „Leseform“ sich am Ende durchsetzt, die Faszination des Lesens muss vermittelt werden. Es bleibt also Aufgabe und Verantwortung der Erwachsenen, sich um die Leseförderung der Kinder zu kümmern. Wenn dies nicht konsequent und in ausreichender Form geschieht, dann befürchte ich eine dramatische Kettenreaktion. Überspitzt gesagt: Ohne Lesen keine eigenen Bilder, kein kritisches Denken, keine neuen Ideen und keine Innovationen. Wenn dies jedoch ausbleibt, sind auch die Aufrechterhaltung unserer Demokratie, unseres Wohlstands und die Zukunft unserer Gesellschaft gefährdet. Lesen ist und bleibt der Schlüssel unseres Wissens und unseres Reichtums.


Lesespaß: Neben Ihren Lesungen führen Sie mit Grundschulkindern auch Schreibwerkstätten durch. Wie motivieren Sie die Kinder zum Geschichtenschreiben?

Zunächst einmal gehören Lesen und Schreiben wie siamesische Zwillinge untrennbar zusammen. Deshalb habe ich es zu meiner Aufgabe gemacht, neben den Lesungen auch Schreibwerkstätten anzubieten. Der Erfolg dieser Schreibworkshops basiert auf einer einfachen Entdeckung: Beim Tauchen im Ägäischen Meer habe ich unterhalb der sagenumwobenen Stadt Troja, in den Tiefen der Dardanellen, eine Unterwasserhöhle mit ungezählten Marmorschnecken gefunden. Diesen Schatz habe ich geborgen. Ich zeige Kindern diese faustgroßen Schneckengehäuse und erkläre ihnen, dass sie darin Geschichten hören können. Unter meiner Anleitung schreiben die Kinder die Geschichten, die sie in meinen Marmorschnecken hören, dann auf. Es kommt eben hier wie auch bei vielen anderen Dingen darauf an, wie man etwas an Kinder heranträgt.


Lesespaß: Welchen Tipp würden Sie Eltern geben, um ihre Kinder zum Lesen und Schreiben zu motivieren?

Die Eltern müssen selbst Vorbilder sein, sie müssen alles dafür tun, ihren Kindern die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens näherzubringen, sie dafür zu begeistern. Sie müssen die Zeit aufbringen und die Bereitschaft haben, ihren Kindern regelmäßig vorzulesen, das Lesen zum abendlichen Ritual werden zu lassen. Wenn die Lesebegeisterung nicht schon früh in der Familie gelegt wird, haben es Lehrerinnen und Lehrer sowie Lesepaten und Kinderbuchautoren doppelt schwer, die Begeisterung zu wecken. Das Versäumnis in der Familie kann von Schule und Staat kaum kompensiert werden.


Lesespaß: Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind? Haben Sie es lieber gelesen oder sich vorlesen lassen?

Ich bin mit den Büchern von Otfried Preußler aufgewachsen, der jetzt ganz in meiner Nähe wohnt. „Das kleine Gespenst“ war mein Lieblingsbuch, als ich selbst noch nicht des Lesens mächtig war. Später, als ich lesen konnte, habe ich die Ideenwelten von Michael Ende und Karl May für mich entdeckt. Das schönste Kinderbuch ist und bleibt für mich jedoch das Buch „Der Prinz und der Bettelknabe“ von Mark Twain. Es besticht auch mehr als 100 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung durch seine lebendige Sprache.


Lesespaß: Haben Ihre Eltern Ihnen vorgelesen? Wenn ja, wer hat Ihnen vorgelesen?

Sowohl mein Vater als auch meine Mutter haben mir vorgelesen. Ich bin in einer Lehrerfamilie aufgewachsen und habe immer viele Bücher um mich gehabt. Wenn wir jetzt einen Röntgenblick in die Wohnzimmer unserer Gesellschaft werfen könnten, würden wir feststellen, dass in vielen Haushalten keine Bücher mehr vorhanden sind. Es ist unfassbar: In einer materiell so reichen Gesellschaft wie der unsrigen wachsen Kinder ohne ein eigenes Buch auf: viele Kinder besitzen kein einziges Buch! Ich weiß das u.a. von den Erzählungen meiner jungen Zuhörer, die sich bei mir darüber beklagen, dass ihnen ihre Eltern keine Bücher kaufen. Zudem ist aus soziologischen Studien bekannt, dass viele Eltern ihren Kindern nicht mehr vorlesen. Da wird vor dem Schlafengehen lieber ein Hörbuch abgespielt.


Lesespaß: Wie schätzen Sie die Bedeutung von Leseförderprojekten wie der Initiative „Lesespaß“ ein?

Ich kann die Kooperation von Bertelsmann AG, Stiftung Lesen und Goethe-Institut nicht hoch genug loben. Unsere Gesellschaft lebt von solchen Initiativen und es kann nie genug Initiativen dieser Art geben. Wenn wir sie nicht hätten, würden auch diese wichtigen Leseimpulse ausbleiben, von denen nur zu hoffen ist, dass sie Kinder für das eigene Lesen begeistern. Ich freue mich auf jeden Fall, Teil der Lesespaß-Initiative zu sein.


Lesespaß: Haben Sie bereits Erfahrungen mit anderen Leseförderprojekten gesammelt? Wenn ja, was sehen Sie als Besonderheit der Initiative „Lesespaß“ an?

Ich bin viel unterwegs, werde von Schulen, Buchhandlungen oder Bibliotheken zu Lesungen eingeladen. Ich weiß von anderen Fördervereinen, habe aber bisher nur die Initiative „Lesespaß“ persönlich kennengelernt. Es wäre wünschenswert, dass die Lesespaß-Initiative über die Grenzen von Gütersloh auch noch in vielen Städten und Gemeinden aktiv werden würde, und ich wünsche mir, dass diese Initiative viele Nachahmer findet.


Lesespaß: Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Vorlesetour durch Gütersloher Grundschulen gemacht? Ist Ihnen eine bestimmte Situation besonders im Gedächtnis geblieben?

Das Schönste waren die persönliche Begegnungen mit Kindern vor oder nach den Lesungen sowie die glänzenden Augen während der Lesungen, wenn die Kinder mir aufmerksam und gebannt zugehört haben. Es geht eben doch, die Kinder von heute für das Lesen zu begeistern. Diese Erfahrung macht mich überaus glücklich. Was mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird ist ein Mädchen, das mir nach einer Lesung ein Freundschaftsband geschenkt hat. Das hat mich sehr berührt. Herausgefordert war ich, als ein anderes Mädchen vor einer Lesung zu mir kam und erklärte, dass ihr das Lesen überhaupt keinen Spaß mache. Ich war überrascht, antwortete ihr aber gleich, ob sie denn auch wisse, dass Lesen reich macht. Das Mädchen machte große Augen und plötzlich war ihr Interesse für meine Lesestunde geweckt. Ein drittes Mädchen überreichte mir am Tag nach der Schreibwerkstatt stolz eine mehrseitige Geschichte, die sie während der Schreibwerkstatt begonnen und später zu Hause weitergeschrieben hatte. Es gibt aber auch einige Jungen, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Ein Junge ließ doch tatsächlich sein Fußballtraining sausen, um eine Geschichte, die er in der Marmorschnecke gehört hatte, zu Ende zu schreiben. Ein anderer Junge meinte nach einer Lesung, dass er gerne wüsste, wie die Geschichte von Krokofil weitergeht, seine Mutter ihm aber kein Buch kaufe. Kurz darauf hatte der Junge die Idee: „Wenn ich jetzt mehr Liegestütze schaffe als du, bekomme ich dann ein Buch von dir geschenkt?“ Das gefiel mir, und ich ging auf seinen Vorschlag ein, gleichzeitig forderte ich ihn heraus: „Gestern habe ich 44 Liegestütze gemacht!“ Für ihn war das der Ansporn, 50 Liegestütze zu machen. Mit großer Freude habe ich ihm dann ein Krokofilbuch überreicht, das ich ihm natürlich auch signiert habe.


Lesespaß: Was fasziniert Sie an der „Zielgruppe Grundschulalter“ und warum ist die Arbeit mit Kindern in diesem Alter so wichtig?

Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren sind allgemein sehr offen, fröhlich und begeisterungsfähig. Deshalb sollte unser ganzes Bemühen darauf ausgerichtet sein, die Kinder in diesem Alter für das Lesen zu begeistern. Sind die Kinder in der Pubertät, ändert sich vieles, die Kinder verlieren ihre Unbeschwertheit und sind oft mit anderen Themen und Problemen beschäftigt. Es ist die Verantwortung von Eltern und Lehrern, den Kindern ein Leseangebot zukommen zu lassen, das sie befähigt, selbstständig zu denken und sich selbst und die Welt zu entdecken. Wollen wir auch weiterhin in einer offenen, freien und wohlhabenden Gesellschaft leben, dann müssen wir alles daran setzen, unseren Kindern die Faszination des Lesens näherzubringen und ihnen aufzuzeigen, dass Lesen reicht macht.

Weitere Informationen

Krokofilbücher und Lesungen von Armin Pongs
„Lesespaß in XXL“ - Lesung mit Armin Pongs
Schreibwerkstatt mit Armin Pongs
„Ungewöhnliche Lesungen“ mit Armin Pongs

Armin Pongs © Armin Pongs
 

Herzlich Willkommen bei Lesespaß

„Lesespaß“ war eine gemeinsame Initiative von Bertelsmann, Stiftung Lesen und Goethe-Institut, um Kindern und Jugendlichen neue Zugänge zum Lesen zu ermöglichen und Lesebegeisterung zu wecken.

„Lesespaß“ – eine erfolgreiche Idee, die wir gerne mit Ihnen teilen möchten!

Stiftung Lesen Bertelsmann Stiftung Goethe Institut