Wahnsinnstyp oder Während sie schläft

von Katja Reider

Verdammt, jetzt ist mein Fuß eingeschlafen! Kein Wunder! Seit über einer Stunde sitze ich hier eingepfercht und bewegungslos wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf meinem Fensterplatz in diesem sogenannten Großraumwagen. Rechts von mir ein verfetterter Anzugträger, der die Zeitung mit den großen Buchstaben liest, vor mir ein Tisch, den die Welt nicht braucht. Und gegebenüber? Gegenüber... sitzt ER!

Er war mir schon von weitem aufgefallen. Vorhin, als ich mich mit Sack und Pack durch den schmalen Gang des Waggons schob. Selbst auf gute acht Meter Entfernung hatte mich sein Blick derartig verwirrt, dass ich prompt meine Platznummer vergaß. Diese blöde Nummer, die ich beim Einsteigen in Hannover wie ein Mantra vor mich hin gemurmelt hatte. Also, noch mal in die Tasche gegriffen und nach meiner Karte gewühlt!

Wagen 6, Platznummer 95... Ach ja, klar... Während die Rollkoffer-Karawane in meinem Rücken mich gnadenlos vorwärts schob, scannten meine Augen die Schildchen über den Sitzplätzen ab. Ah, da: Nr. 95, Fensterplatz mit Tisch. Diesen bescheuerten Platz hätte ich mir selber nie und nimmer reserviert! Den hatte ich natürlich Mama zu verdanken. („Ist doch praktisch, da kannst du schön dein Brot auspacken und dein Buch hinlegen“)

Vor allem, Mama, kann ich mir den Typ gegenüber angucken! Das heißt, ich könnte ihn angucken, wenn ich mich mal trauen würde, endlich von meinem Buch aufzuschauen. Seit über einer Stunde hocke ich hier und bin zur Salzsäule erstarrt. Das heißt, einmal hab ich was gesagt. Gleich zu Anfang, da hab ich meine Platzkarte in die Runde gehalten und „Nummer 95 – ist das hier?“ gepiepst, so als könnte ich nicht lesen. Oder als müsste ich meinen Anspruch auf den Platz gegenüber diesem Wahnsinnstypen quasi öffentlich nachweisen. Seitdem bin ich in der Versenkung meines Fensterplatzes verschwunden.

Ach ja, ich glaube, das Schlimmste habe ich noch gar nicht erwähnt. Das Schlimmste ist nämlich nicht, dass ich in Gegenwart von tollen Typen  keinen zusammenhängenden Satz mehr rausbringe und mir Charme und Witz schlagartig ferner sind als das Matterhorn – nein, das Schlimmste ist, dass der Wahnsinnstyp nicht alleine ist! Neben ihm sitzt ein Mädchen, seine Freundin, klar. Ihr Kopf mit den langen blonden Haaren lehnt an seiner Schulter, ihr Atem geht ganz ruhig, nicht mal ihre Wimpern flattern. Sie schläft tief und fest. Schon die ganze Zeit. Und das bei dem Lärmpegel hier!

Bestimmt sind die beiden schon lange zusammen. Wenn man sich erst kurze Zeit kennt, pennt man doch nicht einfach neben so einem Wahnsinnstypen ein! Dazu ist seine körperliche Nähe doch viel zu aufregend, zu kribbelig! Da will man alles von IHM wissen und alles über sich selbst erzählen, jede kleine geheime Geschichte: Wie der eigene Vater beim Kirschkern-Weitspucken einmal fast erstickt ist, wie die beste Freundin vom Tennislehrer erpresst wurde, wie die kleine Schwester beinahe ertrunken ist. – Besonders gern erzählt man  natürlich Geschichten, in denen man selber eine positive Rolle spielt. (Dem Vater knallhart auf den Rücken gehauen, dass der Kirschkern nur so rausfluppte, dem miesen Lehrer vor tausend Leuten die Meinung gegeigt, die Baby-Schwester tapfer den Fluten entrissen).

Ja, so ist das am Anfang, oder etwa nicht?

Also, jedenfalls schläft frau in dieser Phase nicht neben so einem Wahnsinnstypen ein! Ich zumindest hätte viel zu viel Angst, dass mir der Sabber unvorteilhaft aus dem Mund läuft oder dass ich schnarche oder dass ich zumindest mit halboffenem Mund einen volldoofen Eindruck mache. All diese Ängste hat die Freundin von dem Wahnsinnstypen offensichtlich nicht. Braucht sie auch nicht. Sie sieht im Schlaf aus wie ein Engel. Leider. Nein, wirklich, ich kann beim besten Willen nichts Hässliches an ihr finden. Die beiden passen super zusammen, ein Paar wie aus dem Werbespot. Der Wahnsinnstyp sitzt ganz ruhig da und liest konzentriert in seinem Buch. Leider kann ich den Titel nicht entziffern. Egal, bestimmt irgendwas Trendiges oder zumindest Harry Potter im englischen Original. Hin und wieder streicht er scheinbar selbstvergessen seine dunklen Locken nach hinten, um danach nur noch verwuschelter auszusehen. Das weiß er natürlich. Logo. Solche Typen wissen, wie sie wirken. Leider. Ich seufze. Anscheinend zu laut. Er schaut plötzlich von seinem Buch auf, genau in meine Augen. Keine Zeit mehr wegzusehen. Himmel, was hat der Typ für Augen! Grün, mit kleinen braunen Sprengseln drin. Jetzt grinst er leicht. Oh, Grübchen hat er auch ... nicht auszuhalten! Echt, bei Grübchen werde ich schwach. Könnte ich jetzt nicht irgendwas sagen? Ich meine, irgendwas Spritziges, wahnsinnig Witziges, das ihm in Nullkommanichts deutlich macht, was für ein Ausnahme-Erscheinung ihm hier gegenüber sitzt,  was für eine unwiderstehlichen Mischung aus Sex, Hirn und Coolness ...

Pustekuchen. Mein Kopf ist hohl wie eine Kokosnuss. Der Moment ist vorbei. Der Wahnsinnstyp wendet sich ab und greift wieder nach seinem Buch. Er bewegt sich dabei ganz vorsichtig, um das schlafende Mädchen an seiner Schulter nicht zu stören. Rücksichtsvoll ist er also auch noch. Unglaublich. Andere Typen würden sich ihren Walkman auf die Ohren knallen und die Braut mit Eminem beschallen. Ob’s ihr nun passt oder nicht.

Wohin die beiden wohl fahren? Bestimmt zu einer Mega-Party nach Köln oder Düsseldorf. Und nicht zu einer Tante nach Bonn-Bad Godesberg wie ich.

Das Leben ist ungerecht. Wo sind wir eigentlich? Der Anzugträger ist in Bochum ausgestiegen und der Schaffner – nee, Zugbegleiter heißen die ja inzwischen – hat grad den nächsten Bahnhof angekündigt. Schon quietschen die Bremsen. Ich seh raus auf den Bahnsteig. Ah, ja, das hier muss Wuppertal sein. Der zugbegleitende Schaffner pfeift. Die letzten Leute drängen zur Tür.

Au Scheiße!“ Wie von der Tarantel gestochen schießt die Blonde von gegenüber urplötzlich von ihrem Sitz hoch, greift ihre Klamotten und stürmt grußlos den Gang runter. Der Wahnsinnstyp blickt kaum von seinem Buch auf.

WAS?! Jetzt kapier ich überhaupt nichts mehr! Wieso bleibt denn der Typ hier seelenruhig sitzen? Bin ich im falschen Film oder was? – Anscheinend mache ich ein derart dämliches Gesicht, dass der Wahnsinnstyp Mitleid mit mir bekommt. Jedenfalls sagt er plötzlich: „Ich kannte sie gar nicht.“

„Hä?“, krächze ich verständnislos.

Lieber Himmel, kann ich bittebitte bald einen normalen Satz sprechen?

Seltsam, jetzt wirkt der Typ irgendwie verunsichert. So als frage er sich plötzlich, ob mich diese Info überhaupt interessiert. „Das Mädchen!“, fügt er erklärend hinzu. „Die Blonde, die hier ... äh ... geschlafen hat.“ Er zeigt auf seine linke Schulter, als gäb es im Zug noch hundert andere schlafende Blondinen, die gemeint sein könnten. „Sie hat mir beim Einsteigen in Berlin nur kurz gesagt, dass sie letzte Nacht durchgemacht hat und dann war sie auch schon eingepennt.“

„Ach so, klar.“ Ich grinse und nicke dazu wie ein Hund mit Wackelkopf. „Ist ja verrückt  ...“

Okay, ganz ruhig bleiben! Das war schon fast ein ganzer Satz. Ich werde besser ...

Der Wahnsinnstyp klappt sein Buch zu.  (Er klappt sein Buch zu!!! Er will mit mir reden!!!) und lächelt. „Ich fahr nach Bonn und du?“

„Ich auch. Ich fahr auch nach Bonn.“

Wuppertal – Bonn, genaue Fahrzeit mit dem ICE 640 Johannes Brahms: Eine Stunde, zwei Minuten.

62 Minuten, um den Wahnsinnstypen zu erobern.

62 Minuten.

Das schaffe ich!

Katja Reider


Katja Reider, 1960 in Goslar geboren, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Publizistik-Studium u. a. als Pressesprecherin des Wettbewerbes "Jugend forscht". 1994 begann sie für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Ihre Bücher erscheinen heute in vielen namhaften Verlagen. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hamburg.

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