Die Räuberhöhle

von Irma Krauß

Jan hat eine Rolle Zeichenpapier. Er malt ein Bild nach dem anderen.

Mama sagt jetzt aber, sie will keins mehr aufhängen, acht neue Bilder sind genug, Jan soll lieber mitkommen, in seinem Zimmer gibt es etwas zu sehen.

„Was denn?“, fragt Jan.

„Komm“, sagt Mama.

„Nur noch das hier.“ Jan fängt ein neues Bild an. Er kann sich schon denken, was es in seinem Zimmer zu sehen gibt.

„Jan“, sagt Mama, „ich warte.“

„Du kriegst nie wieder ein Bild von mir“, droht Jan.

„Das muss ich riskieren“, sagt Mama und geht schon mal los.

Jan pfeffert die Wachsmalkreide auf den Tisch. Er läuft hinter ihr her.

Mama hat seine Zimmertür bereits offen. „Siehst du, was ich sehe?“

Was soll Jan dazu sagen? Dass seine Sachen überall herumliegen, ist total praktisch, man sieht sofort, was ihm alles gehört.

„Jetzt wird aufgeräumt, mein lieber Herr“, bestimmt Mama. „In einer Stunde schaue ich es mir an.“

Jan stampft mit dem Fuß auf. „Du kriegst nie wieder ...“

„Ich weiß schon“, sagt Mama. „Ich will auch keins mehr, solange dein Zimmer wie eine Räuberhöhle aussieht.“

Als Mama weg ist, watet Jan durch das Zeug. Es sind seine Sachen – warum dürfen die nicht liegen, wo sie wollen? Und überhaupt sind es viel zu viele, man weiß nicht, wo man anfangen soll. Und wenn man aufgeräumt hat, findet man nichts mehr. Besser, man hat alles ausgebreitet. Wie in einer echten Räuberhöhle, wo die Schätze herumliegen. Kein Räuber denkt ans Aufräumen!

Jan schleicht in die Küche. Hinter Mamas Rücken schnappt er sich die Zeichenpapierrolle und eine Hand voll Wachsmalkreiden. Er klemmt die Fußmatte in die Wohnungstür und läutet nebenan bei Professor Leske.

Der Professor macht auf.

„Na, junger Freund, hast du deine Schultüte schon leer gefressen?“

Das sagt er jeden Tag, er kann sich nicht merken, dass die Schule erst nächste Woche anfängt.

„Ist noch alles drin“, sagt Jan. „Kannst du mir was schreiben?“ Er gibt dem Professor die Wachsmalkreiden und rollt das Papier am Boden aus. „Schreib RÄUBERHÖHLE. Das ist bestimmt ein langes Wort? Vielleicht so lang wie deine Tür?“

„So lang wie meine Tür.“ Der Professor kniet sich ächzend nieder und malt große Buchstaben in vielen Farben.

Jan schaut ihm zu. Nächste Woche kann er das selbst, dazu geht man ja in die Schule. Aber nächste Woche ist zu spät, Mama braucht es jetzt.

„Wer ist der Räuber?“, fragt der Professor.

„Na, ich doch“, sagt Jan. „Schreib‘s drauf. Und streng geheim.

Der Professor tut es. „Vielleicht noch Lebensgefahr?“

Jan nickt.

Sie probieren das fertige Plakat an der Tür des Professors aus. Es reicht von oben bis unten.

Der Professor sagt: „Es sollte am besten gleich hängen bleiben ...“

Tatsächlich hat er noch mehr Sachen herumliegen als Jan.

„Aber du hast keine Mama, oder?“, meint Jan.

„Zum Glück nicht“, sagt der Professor.

Jan steigt vor seiner Tür auf einen Stuhl. Er braucht drei Rollen Klebestreifen. Das Gute ist, dass Mama an ihrem Computer sitzt und ihn vergessen hat. Jan bewundert das herrliche Plakat. Dass Buchstaben so schön sind, hat er gar nicht gewusst. Dann reißt er sich aber los und schafft ein bisschen Platz in seinem Zimmer – ein Räuber will ja seine Schätze nicht zertrampeln. Und ein wenig Sortieren würde auch nicht schaden.

Als Mama an die Tür klopft, sind die Schätze sortiert: Die Legosteine bei den Legosteinen, die Autos in der Autokiste, und alles, was man nicht so gut sortieren kann, hat Jan in die Regale gestopft.

„Wer steht vor meiner Höhle?“, ruft er.

„Ich, deine Mutter“, sagt Mama. „Ich trau mich nicht rein. Wegen der Lebensgefahr.“

„Du kannst“, sagt Jan. „Ich beschütze dich.“

Da kommt Mama herein. Sie sieht sich lange um. Danach erklärt sie Jan, dass sie es praktisch findet, einen Räuber in der Wohnung zu haben. Weil man beschützt wird. Und weil der Räuber in der Räuberschule das Sortieren gelernt hat.

Irma Krauß


Die ehemalige Lehrerin einer Grund- und Hauptschule entschied sich mit 40 Jahren Schriftstellerin zu werden. Sie schreibt in erster Linie Kinder- und Jugendliteratur. Für ihr Buch „Das Wolkenzimmer“ erhielt sie viele Preise.

Homepage von Irma Kraus

 

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